Illusion oder Wirklichkeit?
Zitat aus dem Fünfzehnten Brief (Nursi)
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Die Bedeutung der sechsten Frage: kulli shey'in hälikun illa wedjhehu (»Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz.«) (Sure 28, 88) Schließt dieser Vers das Jenseits, Himmel und Hölle und deren Bewohner mit ein, oder nicht?
Antwort: Diese Frage war bereits häufig unter den Forschern, den Entdeckern und Heiligen Diskussionsthema. Sie haben bei dieser Frage das Wort. Außerdem ist (die Materie, um die es) in dieser Ayah geht, sehr weitläufig und umfaßt mehrere Ebenen.
Die Mehrheit der Forscher sagen: Die beständige Welt ist nicht mit eingeschlossen. Es gibt aber auch andere, (die sagen): Es wird dort, wenn auch nur für eine kurze Zeit, einen Augenblick geben, in der eine Art Untergang Platz greifen wird. Diese Zeit wird so kurz sein, dass (die Menschen) gar nicht mehr wahrnehmen werden, dass sie in diesen Untergang (fena) mit hineingesogen und von dort wieder zurückgekehrt sind. Was aber diese vollständige Vernichtung (fena) betrifft, sowie dies einige extrem denkende Entdecker beurteilen, so entspricht sie nicht der Tatsache (hakikat). Denn da Gott (ilah), der Heilige in Seinem Wesen, ewig und immerwährend ist, sind sicherlich auch Seine Namen und Eigenschaften ewig und immerwährend. Und weil also Seine Namen und Eigenschaften ewig und immerwährend sind, so können sicherlich auch deren Spiegelbilder, Erscheinungsformen, Abdrücke und Manifestationen, also alles, was ewig ist in dieser ewigen Welt und die Gefährten der Ewigkeit zwangsläufig nicht der ewigen Vernichtung anheim fallen.
Wir wollen nun kurz zwei Punkte aus der Fülle des Weisen Qur‘an niederschreiben, die mir eingefallen sind.
Erstens: Gott der Gerechte ist von so vollkommener Allmacht (Qadir), dass er ganz leicht etwas ins Nichtsein oder Dasein bringen kann, als gäbe es zwei Häuser, die durch Seine Macht (kudret) und Seinen Willen (irade) mit einander in Beziehung stehen und Er könne etwas in sie hinein bringen oder aus ihnen herausholen. Wenn er es wünscht, kann er diese Umwandlung in einem Tag, wenn er es wünscht, in einem Augenblick vollziehen. Darüber hinaus gibt es eigentlich gar nicht so etwas wie eine absolute Nichtexistenz, weil es ein alles umfassendes Wissen gibt. Es gibt keinen (Bereich eines) Nichtseins, der außerhalb Seines Wissensbereiches läge und in den man (wie in einen Abgrund etwas hinunter)werfen könnte.
Was diesen Bereich des Nichtseins innerhalb Seines Wissensbereiches betrifft, so handelt es sich dabei um ein Nichtsein als eine Exklave, eine Bezeichnung für einen Existenzbereich, der vom göttlichen Wissen umhüllt ist. Ja, einige Schüler haben das, was sich in diesem Wissensbereich befindet, als eine Art von latentem Dasein bezeichnet. In diesem Falle gliche die Auflösung (fena) dem vorübergehenden Ablegen einer Kleidung und dem Eintritt in einen Zustand von Wissen und Bedeutung (manevi). Das aber hieße, was geschaffen wur-de und wieder vergeht, gibt äußerlich seine Existenz auf, geht im Kern in den Zustand seiner eigentlichen Bedeutung über, verläßt den Bereich der göttlichen Macht (kudret) und geht über in den Zustand göttlichen Wissens.
Zweitens: Wie wir bereits in vielen »Worten (Sözler)« erklärt haben, sind alle Dinge hinsichtlich ihrer Bedeu-tung, insoweit ihr Blick auf sie selbst gerichtet bleibt, nich-tig. Sie besitzen kein eigenes Dasein, keine in sich selbst ruhende Existenz. Und es gibt auf Dauer keine Realität (hakikat), die einzig in sich selbst begründet wäre. Was aber ihren, auf Gott den Gerechten gerichteten Aspekt betrifft, soweit er eine Art präpositionaler Funktion erfüllt, so ist dieser nicht nichts. Denn unter diesem Aspekt wären die Manifestationen Seiner beständigen Namen zu betrachten. Dieser Aspekt fällt also nicht der Vernichtung anheim, denn er trägt den Schatten eines ewigen Seins in sich. Er hat eine Wirklichkeit (hakikat), ist beständig und erhaben. Denn er ist die Manifestation einer Art beständigen Schattens von einem bleibenden Namen.
Zudem ist er ein Schwert, das mit der Parole
kulli shey'in hälikun illa wedjhehu (»Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz.«) (Sure 28, 88) die Hand des Menschen von allen Dingen abschneidet, die nicht als zu dem Bereich dessen gehörig betrachtet werden, der von Ihm getrennt ist, (Dingen), über die das Urteil der Vergänglichkeit dieser Welt gesprochen ist. Das heißt, was um Gottes willen besteht und von Ihm eine Art präpositionaler Funktion erhält, für Ihn da ist und vor Seinem Antlitz, dem wird nicht der Kopf mit dem Schwert des
kulli shey'in hälikun illa wedjhehu (»Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz.«) (Sure 28, 88) abgeschlagen, weil sie nicht zu dem Bereich dessen gehörig betrachtet werden, der von Ihm getrennt ist.
Kurz gesagt: Wenn es um Gottes willen ist, dass jemand Gott findet, so bleibt nichts anderes, dessen Kopf abge-schlagen werden sollte. Wo Gott nicht gefunden wird, und nicht, was um Seinetwillen ist, so ist alles von Ihm unterschieden. Hier ist das Schwert des
kulli shey'in hälikun illa wedjhehu (»Alle Dinge werden vergehen, außer Seinem Antlitz.«) (Sure 28, 88) vonnöten, um den Vorhang zu zerspellen und so Ihn zu finden.
Al-Baqi huwa-l'Baqi (»Der Ewige ist der da bleibt und besteht«)
Said Nursi